Jeder, der mich real kennt, weiß, wie emotional ich bin. Manchmal ist das ein Fluch, weil bei mir Emotionen immer mit Tränen einhergehen. Egal ob Wut, Freude oder Trauer. Ich bin einfach voll mit Emotionen, auch wenn ich nie richtig gelernt habe, damit umzugehen. Aber das versuche ich jetzt besser zu lernen.
Unterdrückte Emotionen
Ich glaube, wir Millennials kennen das. Manche Gefühle, die wir als Kinder hatten, wurden verboten, übergangen oder kleingeredet.
„Heulst du schon wieder?“
„Stell dich nicht so an!“
„Bah, schau mal, wie hässlich du wütend bist!“
Gerade beim letzten Satz erinnere ich mich gut, wie einem dann der Handspiegel vorgehalten wurde. Wut war nicht erwünscht, also lernte man, sie runterzuschlucken.
Weinen? Besser man versteckt die Tränen.
Zu laut lachen? Du bist zu viel.
Gefühle wurden einem oft auch abgesprochen oder sogar diktiert. Als meine Oma starb, war ich nicht wirklich traurig. Sie hatte mir früh gezeigt, dass sie mich nicht mochte. Mein Bruder bekam Geld zugesteckt, ich wurde nicht mal umarmt. Aber es war die Oma, also musste man sie lieb haben. Man musste nett und höflich sein. Das war ich.
Als sie starb, malte ich ein Bild. Oma war darauf ein Engel im Himmel. Unten standen meine Geschwister und ich, sie weinten, ich lachte. Oh, gab es da Ärger. Ich weiß nicht mehr genau, von wem. Vielleicht nicht von meinen Eltern. Ich glaube, ich hatte das Bild während der Beerdigung gemalt, bei Bekannten, weil „Kinder gehören nicht auf eine Beerdigung“. Und dann hieß es, sowas malt man nicht, ich müsse mich schämen. Aber ich empfand es eben so. Ich war glücklich, weil ich nichts mehr vorspielen musste.
Boah, heulst du schon wieder?
Dieser Satz begleitet mich, solange ich denken kann. Ich konnte mich schon immer sehr in Menschen, Figuren oder Tiere hineinversetzen, und das war für andere manchmal ein Problem. Wenn ein Film sehr emotional war, liefen bei mir sofort die Tränen.
Armageddon? Da reicht schon die Titelmusik. Ich habe direkt die komplette Szene im Kopf. Ihr gehauchtes „Daddy“ und zack, da kribbelt es mir schon beim Gedanken in der Nase.
Ja, ich kann sogar auf Kommando weinen, wenn ich mir so etwas vorstelle. Es gibt kaum einen Film, bei dem mir das nicht passiert. Als Kind war das noch kein Thema, aber irgendwann war der Bach gebrochen. Diese Emotion hat viele meiner Freunde irritiert.
„Warum weinst du denn schon wieder?“
„So schlimm war das doch nun auch nicht.“
„Boah, hör auf, sonst muss ich auch heulen.“
Aber ich habe es irgendwann nicht mehr versteckt. Mir wurde egal, ob sich andere wegen meiner Emotionen unwohl fühlen.
Meine Emotionen gehören mir
Ich darf traurig sein, wenn ich traurig bin. Und dann darf ich auch weinen. Dann darf es mir schlecht gehen. Niemand kann mir vorschreiben, wann oder wo.
Ich darf auch wütend sein, und mir dürfen vor Wut die Tränen kommen. Das macht mich nicht weniger wütend, wichtig oder seriös.
Meine Arbeitskollegen haben mich alle schon weinen sehen. Vor Wut, Verzweiflung, Trauer, Freude, Dankbarkeit oder Erleichterung. Und es war okay. Keine dummen Sprüche, keine Zurechtweisung, kein Respektverlust.
Und so sollte es eben sein.
Emotionen begleiten
Uns wurden Gefühle oft abgesprochen, aber selten begleitet. Wie sollen wir also bei unseren Kindern lernen, Emotionen zu begleiten, wenn wir es selbst nie erfahren haben?
Ich kenne vieles nur aus der Theorie, und manchmal fällt es mir schwer, Emotionen auszuhalten. Mein inneres Kind will sie am liebsten genauso wegsperren, wie es bei mir war. Ich mache da auch noch Fehler, klar, aber ich lerne, mit den Emotionen anderer umzugehen.
Dass diese, genau wie meine, einfach sein dürfen. Dass es nicht meine Aufgabe ist, sie zu beenden oder zu bewerten. Sondern sie anzunehmen und, gerade bei meinen Kindern, zu zeigen, wie man sie gesund in den Griff bekommt.
Was macht mich wütend?
Wie kann ich Wut spüren, ohne dass sie mich auffrisst oder unfair werden lässt?
Das gilt für alle Emotionen.
Ich muss zugeben, ich habe als Kind von meinen Eltern nie eine Entschuldigung bekommen. Weil ich das durchbrechen will und mir selbst trotzdem Fehler passieren, muss ich lernen, mich zu entschuldigen. Nicht, weil man das so macht, sondern weil man es wirklich meint. Eine Entschuldigung oder ein Danke darf keine Floskel sein.
Ich bin voll von Emotionen
Und genau das finde ich mittlerweile gut an mir. Das macht mich aus. Ich nehme das immer öfter einfach an. Wenn meine Gefühle mir sagen, dass mir etwas unangenehm ist, dann sage ich es. Nicht immer, aber immer öfter schaffe ich es, für mich einzustehen.
Ich lerne, meinen Emotionen zu vertrauen und nicht einfach drüber hinwegzugehen.
Ich weiß, der Beitrag hat wenig Struktur, ist etwas durcheinander, aber so sieht es manchmal eben auch in mir aus. Gerade noch fröhlich, und dann kommt etwas, das mich emotional komplett zerstört.
Ich bin leider auch ein Schwamm, was Emotionen angeht. Geht es jemandem schlecht, merke ich das fast immer und fühle mit. Ich lasse mich bei jeder Stimmung anstecken, scanne Emotionen in einem Raum und versuche manchmal sogar, sie zu beeinflussen. Ich will immer, dass man mich mag. Das sollte ich nicht wollen, aber es sitzt tief.
Jemand kann noch so gemein zu mir sein, ich versuche trotzdem, das Gute zu sehen und zu zeigen: „Hey, so schlimm bin ich doch gar nicht, wir können Freunde sein.“ Wenn ich merke, dass das nicht klappt, ziehe ich mich zurück. Dann kann es passieren, dass ich gar nicht mehr auftauche und es mir so schlecht geht, dass ich sogar kündige. So war es damals im Studium oder während meiner ersten Ausbildung.
Ich kann nicht tagtäglich mit jemandem in einem Raum sein, der mich nicht mag. Das macht mich krank, weil ich die Abneigung spüre, als wäre sie meine eigene. Das ist kein schönes Gefühl.
Darum renne ich dann lieber weg. Da habe ich noch nicht gelernt, mich abzugrenzen.
Emotionen im Blog
Auch hier im Blog möchte ich wieder freier schreiben. Weil es mein Tagebuch ist, darf er auch meine Gefühle zeigen. Früher war ich da offener, aber es gab Familienmitglieder, die sich über solche Dinge das Maul zerrissen und sich lustig machten. Ich habe ja schon gesagt, Emotionen wurden gerne kleingeredet. „Stell dich nicht so an.“
Aber das will ich nicht mehr. Deshalb werden meine Beiträge wieder persönlicher, wieder mehr ich, wieder mehr mit Emotionen.
Ich hoffe, dir als Leser gefällt das weiterhin. Und wenn nicht, dann ist das eben so.
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Ich habe letztes Jahr das Bild der „emotionalen Blobs“ lieben gelernt. Das kommt von Maren Urner und stammt aus ihrem Buch „Radikal Emotional“. Da geht es genau darum, um Emotionen und Gefühle, die wir nicht zulassen, weil wir das nicht für richtig halten, obwohl wir einfach nur emotionale Blobs sind und wir ohne Emotionen wahrscheinlich gar keine wirklichen sozialen Wesen sein könnten.
Emotionen sind wichtig und wir sollten sie zulassen und auch aushalten und zwar in allen Lebensbereichen. Also, auf geht’s, auch in deinem Blog darfst du ein emotionaler Blob sein
Danke für deine Worte.
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Ich musste meine Gefühle nie unterdrücken. Aber da hatte ich vielleicht auch anders Glück entsprechend als du. Dafür hatte ich mit anderen Dingen in der Jugend zu kämpfen, die auch viel bei mir kaputt gemacht haben. Da erlebt jeder etwas anders.
Ich habe oft eher heute das Gefühl, dass zu viele Emotionen bei einem Erwachsenen direkt negativ ausgelegt und nicht anerkannt werden. Wie ich schrieb: Jeder hat seine Päckchen und das ist irgendwie nicht für jeden Nachvollziehbar. Da merke ich auch, dass vieles in mir brodelt. Aber Gefühl sind nun mal da und sollten auch ihren Raum bekommen, sonst zerbricht man an ihnen.
Das ist das eben, viele erwachsene können nicht damit umgehen, wenn jemand Gefühle Zeit. Man ist zu viel, zu Laut, als Frau gerne Hysterisch, zu sensibel oder zickig. Ich hasse letzteres Wort echt ungemein. Wenn jemand nicht passt, wird es negativ bewertet und abgewertet. Schaut man aber mal das Verhalten an und wie das bei Männern bewertet wird, oooh da sind das auf einmal positive Aspekte. Aus herrisch wird auf einmal „er setzt sich durch“. Aus zickig wird auf einmal „er ist willensstark“. ARG.
Und als jemand der eben so erzogen wurde, ist es schwer anderen